Das Verfahren gegen Kardinal Pell – Ein Schauprozess

J.V.

George Kardinal Pell   Am 11. Dezember 2018 wurde George Kardinal Pell, Präfekt des neuen Wirtschaftsfinanzsekretariats im Vatikan, im australischen Melbourne wegen sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben in den 90er Jahren für schuldig befunden. Einen Tag darauf wurde er von seinen Pflichten im neunköpfigen Kardinalsrat in Rom, dem wichtigsten Beratungsgremium des Papstes, entbunden – offiziell aus Altersgründen. Bis dato galt Pell als die „Nummer drei“ im Vatikan.

    Vergangenen Montag äußerte sich der amerikanische Publizist und Papstbiograph George Weigel in der New York Post zur Verurteilung des australischen Kurienkardinals. In seinem Artikel vergleicht Weigel den Prozess gegen Pell mit der Verurteilung eines offenkundig unschuldigen Afroamerikaners in den US-Südstaaten der 30er Jahre im Romanklassiker Wer die Nachtigall stört.

Aufgrund einer durch das Gericht verhängten Nachrichtensperre blieb die Informationslage bislang dünn. Der vorsitzende Richter war zurecht besorgt darüber, dass Pell ein faires Verfahren verwehrt bleiben würde, sollten die öffentliche Meinung durch die Berichterstattung der Medien weiter gegen Pell aufgeheizt werden. Der australische Kardinal hatte bislang alle Anschuldigungen nachdrücklich von sich gewiesen.

   

Zwar blieb die australische Öffentlichkeit über die Prozessdetails weitgehend im Dunkeln, jedoch sind gewisse Details bekannt, andere ließen sich laut Weigel plausibel schlussfolgern.


    Das erste Verfahren gegen Pell endete im September ohne Mehrheitsvotum der Geschworenen. Im Wiederaufnahmeverfahren habe die Verteidigung demonstriert, so Weigel, dass der Missbrauch der beiden Chorknaben (von denen einer inzwischen verstorben ist) aufgrund des Grundrisses und der Sicherheitsregelungen der Melbourner Kathedrale physisch unmöglich gewesen sei. Außerdem hätten sich der Chor und Pell zum Zeitpunkt des angeblichen Missbrauchs an unterschiedlichen Orten befunden. Abgesehen davon sei Pell an diesem Tag im Jahr 1996 ständig von anderen Personen umgeben gewesen. Warum die australische Polizei niemals die Mühe auf sich genommen habe, diese entlastenden Fakten zu untersuchen, sei einer von mehreren Mysterien dieser elenden Affäre, so Weigel.


    Die Geschworenen des wiederaufgenommenen Verfahrens benötigten mehrere Tage, um zu einem Schuldspruch zu gelangen. Während der Beratung hätten die Geschworenen den vorsitzenden Richter um Anweisungen gebeten, inwieweit Beweismittel zu berücksichtigen seien. Dazu George Weigel: „Dass ein überwältigendes Votum für den Freispruch im ersten Verfahren in eine einstimmige Verurteilung umgekehrt wurde, legt nahe, dass die Jury sich dafür entschied, Beweise zu ignorieren, nach denen das unterstellte Verbrechen unmöglich hätte stattfinden können.“        Weigel wirft die Frage auf, warum ein Angeklagter kein Verfahren ohne Jury beantragen könne, wenn die öffentliche Meinung die Auswahl unvoreingenommener Geschworener unmöglich macht, und wie ein angeblich vor 22 Jahren begangenes Verbrechen ohne stützende Beweise strafrechtlich verfolgt werden könne. Zudem sei unklar, wie Anklage erhoben werden könne, wenn die staatlichen Stellen leichthin hätten feststellen können, dass der unterstellte Missbrauch niemals möglich war, weil die Opfer und der vermeintliche Täter niemals in unmittelbarer Nähe, geschweige denn alleine waren.


    Wer die Verurteilung Pells bewerten wolle, so der Papstbiograph, müsse außerdem die Atmosphäre berücksichtigen, in der der Fall des Kardinals verhandelt wurde: Der Antikatholizismus sei seit Jahrzehnten ein Markenzeichen der australischen Kultur und die lokalen Medien hätten den Kirchenreformer Pell seit jeher falsch dargestellt, und zwar als korrupten Machtpolitiker. Das habe ihn zu einem willkommenen Sündenbock für die schweren Verbrechen anderer Priester und Bischöfe gemacht.


    Tatsächlich aber hatte Pell in seiner Zeit als Erzbischof von Melbourne Australiens erste Maßnahmen zur Untersuchung und Entschädigung von priesterlichem Missbrauch erlassen. In seiner Amtszeit als Erzbischof von Sidney hatte er die strengen Protokolle auf sich selbst angewendet, bis sich ähnlich fadenscheinige Anschuldigungen gegen ihn als falsch erwiesen und die Klage abgewiesen wurde.


    Der wirksame Kampf Pells für die Säuberung der Kirche von den Schrecken der Missbrauchsskandale habe für diejenigen, die die Agenda gegen den Kardinal vorantrieben, jedoch nicht gezählt. Weigel meint:


Aggressive Säkularisten konnten ihm seinen robusten Katholizismus nicht vergeben. Die meisten progressiven Katholiken ertrugen seine Rechtgläubigkeit nicht. Manche Feinde  Pells sind so redlich, die Anschuldigungen gegen ihn als grotesk abzutun, und ein paar wenige sagten später, dass seine Verurteilung eine Farce gewesen sei. Aber die üble Atmosphäre Melbournes erinnerte an das landländliche Alabama der 1930er Jahre.


    Am Ende seines Artikels weist Weigel noch auf einen merkwürdigen Zufall hin, den es zu untersuchen gelte. Pell wurde von Papst Franziskus nach Rom beordert, um die Vatikanfinanzen zu ordnen: Eine Herkulesaufgabe, die langsam Fortschritte machte. Genau in dem Moment, als er sich schließlich den wirklich schwerwiegenden Korruptionsfällen gewidmet habe, schreibt Weigel, die hunderte von Millionen Euro und die Schattenwelt der globalen Finanzmächte involvierten, wurden die Missbrauchsanschuldigen gegen Pell erhoben. Mit der Folge, dass der Kurienkardinal unverrichteter Dinge nach Australien zurückkehren musste. Diesen Umstand bemerkt auch H. J. Sire, der Pells Kampagne gegen die Finanzkorruption des Vatikans in seinem Buch Der Diktatorpapst ausführlich schildert.


    Weigel ist der Auffassung, dass dieses Timing kein reiner Zufall war. Seine Quellen in Rom, Unterstützer der Reformbemühungen Pells, teilten diese Ansicht. „Etwas ist faul an dieser ganzen Angelegenheit. Und es ist nicht der Charakter George Kardinal Pells.“

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