Die Kreuzzüge. Teil 3: Der moralische Anstoß

von Julian Voth

Erzbischof Dagobert von Pisa Kkrönt Balduin I. von JerusalemWoher kam der moralische Anstoß, die Dynamik der Kreuzzüge? Sie waren eng eingebunden in einen größeren historischen Zusammenhang: das Erwachen Europas, die erste große europäische Renaissance nach dem Fall des Römischen Reiches. Sie waren eine der Manifestationen einer geistlichen Ausdehnungskraft, die schließlich Ausdruck fand im Krieg, der Demographie und Kunst. Wir sehen sie auch in der Cluniazensischen Reform, der Blüte der romanischen Kunst, der Organisation von Wallfahrten, der Ausbildung der päpstlichen Monarchie und den Expeditionen gegen die Araber in Spanien. Denn die Kreuzzüge, wenn wir darunter die Verteidigung der lateinischen Welt gegen den Islam verstehen, begann keinesfalls in der Levante und im Jahr 1097, sondern vielmehr schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und im äußersten Westen, auf der spanischen Halbinsel, wo Gregor VII. die französischen Barone ermutigte, sich unter die Standarte der Reconquista zu stellen.

Gregors Aufruf gegen die Muselmanen in Spanien ist das Präludium zu dem Urbans II. gegen die Mohammedaner in Syrien. Gerade diese Tatsache ist von besonderer Wichtigkeit. Der Kreuzzug ist, bis zu einem gewissen Punkt, die Antwort der mittelalterlichen Christenheit auf das Prinzip des heiligen Krieges, des Dschihad, den Mohammed selbst gegen die heidnischen Stämme Arabiens erklärt hatte und der nun die Existenz des Christentums selbst bedrohte. Der östliche Kreuzzug war also aufs Innigste mit der spanischen Reconquista verbunden. Selbst die italienischen Seemächte nahmen lange vor der Eroberung der Küstenstädte Syriens und Palästinas im Kampf gegen den Islam teil, indem sie den Spaniern dabei halfen, die Balearen zurückzuerobern. Das „Deus lo vult!“ von 1095 war nur der neue Sinnspruch einer bereits bestehenden Bewegung. Für mehr als ein Jahrhundert schon hat Gott es gewollt, das Papsttum diente als Verkünder und die Barone Süd- und Nordfrankreichs als Vollstrecker dieses Willens auf den Feldern Kastiliens und Aragons.

Während Alexander und Saladin, auf ihre Weise, den „Strom der Geschichte“, die unvermeidliche Kette von Ursache und Wirkung verkörpern, ersterer die Rache des Hellenismus an der barbarischen Welt, letzterer den unüberwindbaren Gegenangriff, verkündete Papst Urban II. vor dem Konzil von Clermont am 27. November 1095, dass in Anbetracht der türkischen Eroberung und des byzantinischen Kollapses das Abendland nicht nur auf den Marken Spaniens, sondern auch an den Ufern Asiens verteidigt werden müsse, um den Verlauf der Ereignisse zu stoppen und umzukehren. Der Kreuzzug, den er von langer Hand vorgesehen hatte und dessen Beginn nicht infolge der Bitte Alexios I. Komnenos, noch durch die Pilgerfahrt und Predigt Peters des Einsiedlers zustande kam, war vielmehr die rettende Reaktion, der defensive Gegenschlag Europas angesichts der größten Gefahr seit dem Untergang des Römischen Reiches. Die moralische Einheit der römischen Welt wurde plötzlich vom Atlantik bis zur Donau, ja bis zum Bosporus wiederhergestellt und zögerte den fatalen Kollaps von 1453 für dreieinhalb Jahrhunderte hinaus.

Dergestalt waren die größeren Linien am Vorabend des 1. Kreuzzugs.

Die Initiative in dieser Angelegenheit ging also vom Papst aus. Indem er als Kreuzzugsführer den Bischof von Puy auserkor, zeigte der Papst, dass er die Kreuzzugsbewegung unter seiner Kontrolle behalten wollte und die durch die Kreuzfahrer eroberten Gebiete als ein weiteres Lehen des Heiligen Stuhls ansah. Tatsächlich nahm der Erzbischof von Pisa, Dagobert, Jerusalem in Besitz, nachdem er Patriarch der Heiligen Stadt geworden war. Das Heilige Land gehörte also zum Christkönig, dessen Vertreter der Patriarch war. So war der Patriarch der einzige rechtmäßige Besitzer des Landes. Nur in seinem Auftrag und als Vasallen konnte der Verteidiger des hl. Grabes und der Fürst von Antiochien Autorität ausüben. Die lateinische Gesellschaft der Levante stellte sich also als Abbild der abendländischen Gesellschaft dar. In ihrem Zentrum stand ein Bischofsstuhl – Jerusalem statt Rom – der Vasallenkönige kontrollierte. Aber was inmitten der christlichen Welt möglich war, konnte hier, an der umkämpften Frontlinie am Rande der Wüste, nicht bestehen. Dagoberts Patriarchat dauerte nur kurze Zeit. Nach dem Tod Gottfrieds von Bouillon ging das Heilige Land auf Balduin I. über, den Gründer des Königreichs Jerusalem, das sich nicht von den anderen weltlichen Reichen unterschied.

In den folgenden Kapiteln wird es darum gehen, wie sich der Gedanke eines heiligen Krieges bzw. eines Kreuzzugs in der Christenheit formieren und der Papst sich an die Spitze dieser Bewegung stellen konnte.

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