Die Kreuzzüge. Teil 4: Die Entstehung der Ethik des Heiligen Krieges

vn Julian Voth

I. Das Neue Testament

„Liebt nicht die Welt und nicht, was in der Welt ist! Liebt einer die Welt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. Denn alles, was in der Welt ist, die Fleischeslust, die Augenlust und die Hoffart des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Doch die Welt vergeht mitsamt ihrer Lust.“ (1 Joh 2,15-17)

Wenn jedem Kriege Konkupiszenz und Sünde zugrunde liegen, dann ist jeder Krieg durch diese Worte verdammt, in der der Lieblingsjünger die wesentliche christliche Haltung zur Welt und zum Leben zusammenfasst. Jedoch sind nicht alle Kriege notwendigerweise durch Lust, Hoffart und Sünde bedingt. Es gibt gerechte Kriege. Erwähnt sie das Evangelium? Im Allgemeinen ist es still, wenn es um die Werte von weltlichen und kulturellen Handlungen geht. Spricht es vom gerechten Krieg? Christus sagt genug darüber, um uns wissen zu lassen, dass wir das Schwert nicht ziehen sollen, um entweder Ihn selbst (Mt 26,52; Joh 28,2) oder Sein Reich (Joh 18,36) zu verteidigen.

 Aber der Rückgriff auf das Schwert in weltlichen Anliegen ist nicht verboten. Die weltliche Gerichtsbarkeit, wie der hl. Paulus explizit den Römern lehrt, darf es zuvorderst benutzen. Und was den Krieg betrifft, so sollte der hl. Augustinus schreiben, dass wenn das Zücken des Schwertes unter allen Umständen sündhaft wäre, der hl. Johannes der Täufer nicht den Soldaten, die ihn betreffs ihres Heils zurate zogen, hätte empfehlen können, sich mit ihrem Sold zufrieden zu geben (Lk 3,14). Und der Heiland selbst, nachdem er den Glauben des Hauptmanns pries (Mt 8,10), hätte es nicht unterlassen können, ihn zu beten, der Legion den Rücken zu kehren. Der Gebrauch des Schwertes ist im Neuen Testament also verboten und erlaubt. In späteren Jahrhunderten führte das zu gegensätzlichen Interpretationen. Doch tatsächlich gibt es keinen Gegensatz: Das Schwert ist auf der geistlichen Ebene verboten und auf der weltlichen erlaubt.

 II. Augustinus und Gregor

Der hl. Augustinus1. Es wurde gesagt, dass der hl. Augustinus und der hl. Gregor, ersterer in Bezugnahme auf die Häretiker, letzterer bezüglich der Heiden, im Abendland die Prinzipien ans Licht brachten, die nach Jahrhunderten der Obskurität dazu gebraucht wurden, die zwei Formen des heiligen Kriegs zu rechtfertigen: den Kreuzzug Gregors VII. gegen die Häretiker und den Urbans II. gegen die Mohammedaner. Was ist die Doktrin dieser beiden Kirchenlehrer?

Augustinus beginnt, indem er die Kriege des Alten Testaments damit verteidigt, dass sie auf Gottes Anweisung hin geführt wurden. In seinen Quaestiones in Heptateuchum erwähnt er beim Thema der Eroberung Ais durch Josua, dass diejenigen, die das Recht haben, zu den Waffen zu greifen, dies nur aus einem gerechten Grund tun dürften. Und nachdem er den gerechten Krieg definierte, fügt er hinzu: „Aber auch jene Kriege sind zweifelsohne gerecht, die von Gott selbst angeordnet wurden, in dem kein Unrecht ist und der die Verdienste jedes Menschen kennt. Der Heerführer in solchen Kriegen oder das Volks selbst sind nicht so sehr die Urheber des Krieges als vielmehr seine Diener (non tam auctor belli quam minister). In De Civitate Dei erklärt er, dass Gott selbst vom Tötungsverbot ausnahmen machte: „Sie wendeten das Gebot nicht gegen den, der auf Gottes Geheiß Krieg führte oder der im Vollzug der öffentlichen Gerichtsbarkeit in Einklang mit Seinem Gesetz Verbrecher richtete.“

Gerechte Tötungen gibt es zu allen Zeiten und im Alten Testament gab es Kriege, die Gott zum Urheber hatten. So der hl. Augustinus. Er betont jedoch auch das Recht der Kirche, auf den weltlichen Arm zurückzugreifen, insbesondere wider die Häretiker.

Trotz seines Aufrufes an Kaiser Honorius zur Unterdrückung der Donatisten, wendet sich der heilige Bischof von Hippo gegen die Todesstrafe für die Häretiker, selbst in dem Fall, wenn sie sich des Mordes schuldig gemacht hatten: Er fürchtete, dass das Blut der Kirchenfeinde die Ehre der Kirche selbst beflecken könnte. Konnte man dann noch annehmen, die Niederwerfung der aufsässigen Donatisten wäre von ihm als ein alttestamentlicher Krieg betrachtet worden, der Gott selbst zum Urheber hat?

Tatsächlich handelten die Kaiser in ihrem harten Vorgehen gegen die Häretiker nicht als Beauftragte der Kirche, sondern kraft ihrer eigenen souveränen Gewalt. Honorius wartete weder auf die Delegation afrikanischer Bischöfe, um 405 sein Edikt gegen die Donatisten zu verkünden, noch auf die Zustimmung Augustinus’, als er die 409 die Todesstrafe für Ketzer einführte.

Dennoch: Augustinus bestätigt zweifellos das Recht des Kaisers, als christlicher Fürst zu handeln und die Häresie als Verstoß gegen das Landrecht zu betrachten. Hier sehen wir den Anfang der sakralen Gesellschaftsordnung des Mittelalters. Er wünsche aber, dass der Katholizismus allein die Gesetze für seine Sicherheit festlegen und Richter bei ihrer Anwendung sein solle. Der weltliche Arm würde demnach als reines Instrument der Kirche dienen und entsprechend milde agieren und niemals so weit gehen, Blut zu vergießen.

Der hl. Gregor2. Des hl. Gregors Perspektive unterscheidet sich an dieser Stelle. Bei einer Expedition gegen die Häretiker, die sich gegen die katholische Kirche erhoben, den Glauben verdarben und die Glieder des Leibes Christi mit dem Pesthauch der Ketzerei vergifteten, drängte er den Heermeister und Exarch von Afrika, Gennadius, dazu, zum Wohle des christlichen Volkes Gewalt anzuwenden. Gregor sagte, er solle in diesem Kirchenkampf wie ein tapferer Krieger des Herrn streiten (ecclesiastica praelia sicut bellatores Domini fortiter dimicatis) und bat Gott, er möge ihnen den Sieg schenken. Hier liegt uns zweifelsohne der Ruf nach dem Schwert vor, um die Christen gegen die Unruhen zu verteidigen – wenn man so will, eine Art heiliger Krieg. Doch Gennadius stand nicht unter dem Befehl Gregors, die Expedition wurde unter den Namen der weltlichen Macht unternommen und der Papst übernahm nicht selbst die Verantwortung dafür. Er intervenierte, um den Exarchen dazu zu bewegen, die Kirche zu verteidigen.

Wie stellte sich Gregors Haltung bezüglich der Heiden da? Er schrieb demselben Gennadius, um ihn dafür zu loben, dass er sich durch das Gebet auf die Schlacht vorbereitete. Er gratulierte ihm für seine Siege, durch die er die Einfälle der Mauren Libyens stoppte und die Grenzen eines Reiches ausdehnte, in dem Gott gebührend geehrt wird, wodurch der Name Christi durch die Predigt des Glaubens weiter verkündet werden kann.

Die Heiden werden keinesfalls angegriffen, weil sie Heiden sind. Es ist ein Krieg, der politisch gerechtfertigt ist und dessen glückliche Folge darin besteht, dass das Evangelium unter den Heiden gepredigt werden kann. Der unmittelbare Zweck eines solchen Krieges ist die Unterwerfung der Heiden. Gregor hofft, dass darauf eine missionarische Aktivität unter der Obhut des römischen Staates stattfinden kann – es war aber kein „Missionskrieg“.

Das Reich Gottes kann nicht die Verantwortung dafür auf sich nehmen, sich selbst unter Waffen zu verteidigen. Das ist die Lehre aus dem Neuen Testament. Aber das Neue Testament verbietet der weltlichen Obrigkeit an keiner Stelle, das Reich Gottes zu verteidigen, wenn es ungerechterweise angegriffen wird. Dies setzt den sakralen Ordo der Christenheit voraus, der dazu gezwungen ist, gegen Beeinträchtigungen geistlicher Werte vorzugehen, die fundamentale politische Werte geworden sind. Diese Verteidigung wird zur Pflicht, und die kanonische Gewalt kann sie gegebenenfalls einfordern.

Somit können wir vom Evangelium über den hl. Augustinus hin zum hl. Gregor mit Sicherheit einen Prozess der doktrinellen Entwicklung und Verdeutlichung ausmachen, nicht jedoch einen Bruch.

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