Die Kreuzzüge. Teil 6: Der hl. Bernhard und die zwei Schwerter

von Julian Voth

Die Eroberung Edessas durch die Türken am 23. Dezember 1144 und neuerlich am 3. November 1146, gefolgt vom Massaker und der Deportation der armenischen Bevölkerung, markierte den Beginn des islamischen Gegenstoßes. Als solcher wurde er im Westen verstanden, wo die Kunde von den Ereignissen zum Zweiten Kreuzzug führte. Papst Eugen III. beauftragte den hl. Bernhard damit, ihn zu predigen. Nachdem er vor der gewaltigen Versammlung zu Vezelay (am 31. März 1146) die Bulle vorlas, die die Christen dazu ermahnte, dass Kreuz zu nehmen und zu den Waffen zu greifen, um die Vormarsch der Ungläubigen zu stoppen, die Ostkirchen zu verteidigen, die von den ersten Kreuzfahrern befreit wurden, die Tausenden von christlichen Gefangenen zu befreien, die unter dem Joch der muselmanischen Knechtschaft stöhnten, hatte der Heilige vermittels des charismatischen Feuers seiner Eloquenz den Erfolg, einen Begeisterungssturm zu entfachen, der dem von 1095 in nichts nachstand. Im folgenden Jahr sollte das Kreuzfahrerheer aufbrechen, das hauptsächlich aus den Truppen der zwei mächtigsten Souveränen des Westens bestand: des Königs von Frankreich, Ludwigs VII., und des deutschen Kaisers, Konrads III.

Wie erklärte der hl. Bernhard die Allianz von Kreuz und Schwert? Er griff auf ein Bild zurück, das seitdem berühmt werden sollte: das der zwei Schwerter.

In einem den Templern[1] gewidmeten Buch rechtfertigte der Heilige den Waffengebrauch im Allgemeinen dadurch, dass Johannes der Täufer nicht von den Soldaten verlangte, ihre Waffen niederzulegen, sondern schlichtweg mit ihrem Sold zufrieden zu sein (Lukas 3,14). Er führte das Wort des hl. Paulus an, der die Römer daran erinnerte, dass die staatliche Obrigkeit das Schwert als Gottes Dienerin führt (Röm 13,4). Er zitierte die Kriege des Alten Testamentes und erinnerte schließlich an das Beispiel des höchsten Ritters, der sich eines Tages bewaffnete, wenn nicht mit dem Schwerte, so doch mit der Peitsche, um die Händler aus dem Tempel zu jagen. Nach all dem fuhr er fort, das Ziehen beider Schwerter der Gläubigen gutzuheißen, um die Heiden zurückzuschlagen, die Krieg führten, die Christenmenschen unterdrückten und davon träumten, Jerusalem all seiner unschätzbaren Reichtümer zu berauben, die Heiligen Stätten zu entweihen und für immer das Heiligtum Gottes an sich zu reißen.

Nach dem Fall Edessas drängte Bernhard den Papst dazu, selbst das weltliche Schwert zu ziehen und den Ostkirchen zu Hilfe zu kommen: „Da der göttliche Heiland neuerlich an jenem Orte leidet, wo er einst für uns starb, müssen beide Schwerter aus der Scheide gezogen werden, die er beim ersten Mal erlaubte (Lk 22,38). Und wer soll sie aus der Scheide ziehen, wenn nicht du? Beide Schwerter Petri müssen so oft gezückt werden, wie es nötig ist. Das eine durch seinen Befehl, das andere durch seine Hand. Und wahrlich, über das, von dem er scheinbar keinen Gebrauch machen sollte, wurde gesagt: Stecke dein Schwert in die Scheide. Also war auch dieses Schwert das seinige, jedoch nicht dazu bestimmt, dass er es selbst führe. Ich denke, dass es nun an der Zeit ist, in der die Not uns dazu zwingt, beide Schwerter für die Verteidigung der Ostkirchen zu ziehen.“

Am Ende seines Lebens wiederholt der hl. Bernhard diese Unterscheidung in seinem De Consideratione. Papst Eugen solle nicht von neuem versuchen, den gladius, das Schwert zu missbrauchen, das ihm (in seiner Funktion als Nachfolger Petri) in Joh. 13,11 in die Scheide zu stecken befohlen war. Aus diesem Befehl ergibt sich für Bernhard jedoch nicht, dass das Schwert, das in die Scheide gesteckt werden sollte, deswegen nicht Petri ist. Es ist auf den Wink Petri, wenn auch nicht mit seiner eigenen Hand, aus der Scheide zu ziehen.

Die Schriftstelle könne nicht anders verstanden werden, da der Herr auf die Worte der Jünger: „Siehe, zwei Schwerter“ andernfalls nicht geantwortet hätte: „Es ist genug“, sondern er hätte antworten müssen: „Es ist zu viel.“ Beide Schwerter stehen der Kirche also zu, sowohl das geistliche Schwert als auch das weltliche. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass das weltliche Schwert für die Kirche, das geistliche Schwert von der Kirche zu ziehen ist.

Das geistliche Schwert ist von der Hand des Priesters zu führen, das weltliche von der Hand des Ritters, aber auf Wink der Kirche und auf Befehl des Kaisers.

Wer aber ist verantwortlich für das durch das Schwert vergossene Blut? Fällt es auf die Kirche zurück oder auf den Fürsten? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns in den nächsten beiden Teilen.



[1] Der Ursprung des ersten der Kreuzzugsorden ist gemeinhin bekannt und diente als Modell für alle anderen. Die Templer waren zunächst einige Ritter, die von den Verheerungen und der Unsicherheit, die im Heiligen Land trotz des Erfolgs des I. Kreuzzugs vorherrschend waren, getroffen waren und die es aus eigenem Antrieb auf sich nahmen, die Wege und Wasserstellen zu patrouillieren und Pilger vor Sarazenen und Briganten zu schützen, die das neue Königreich heimsuchten.

Balduin I. nahm ihre Dienste an und brachte sie nahe der Tempelruinen unter. Sie legten das Gelübde ab, Gottes Feinde in Gehorsam, Keuschheit und Armut zu bekämpfen. Nach neun Jahren zählten sie noch nicht mehr als neun Brüder. Aber sie wurden vom Konzil von Troyes im Jahr 1128 bestätigt und der hl. Bernhard rechtfertigte die Krieger-Mönche und verkündete seine „Lobrede auf das neue Rittertum“.

Was bedeutete aber nun diese Approbation von Seiten der Kirche? Wurde der Krieg als Hilfsmittel für das Reich Gottes anerkannt? Keineswegs. Die Kirche nahm nicht die Verantwortung für den Krieg und das vergossene Blut auf sich. Sie wusste nämlich zu gut, dass dies kein geistlicher, sondern ein weltlicher Auftrag war. Sie approbierte die Laien, die sich vermittels der drei Gelübde an Gott banden, um ihr Anliegen von allen anderen niederen Beweggründen freizumachen, und es sich in besonderer Weise zum Aufgabenbereich machten, im Soldatendienst dem Kaiser das zu geben, was des Kaisers ist – unter der Verantwortung ihrer weltlichen Führer und für das Gemeinwohl der Christenheit. Derjenige, sei er Laie oder Kleriker, der zur rechtmäßigen Verteidigung zu den Waffen greift oder einem bedrohten Kind beisteht, handelt gemäß der gerechten Gesetze der weltlichen und nicht gemäß der der geistlichen Ordnung. Er handelt als Christ auf der Ebene der Dinge, die in direkter Weise des Kaisers sind, nicht insofern er Christ und auf der Ebene der Dinge ist, die direkt Gott betreffen. So ist die Rolle der Ritterorden zu verstehen.

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