Die (vermeintliche) Freiheit und der Glaube daran

»Utopien erweisen sich als weit realisierbarer, als man früher glaubte. Und wir stehen heute vor einer auf ganz andere Weise beängstigenden Frage: Wie können wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern? [...] Utopien sind machbar. Das Leben entwickelt sich auf Utopien zu. Und vielleicht beginnt ein neues Zeitalter, ein Zeitalter, in dem Intellektuelle und Kultivierte Mittel und Wege erwägen werden, die Utopien zu vermeiden und zu einer nichtutopischen, einer weniger „vollkommenen“ und freieren Gesellschaftsform zurückzukehren.«

Dieses Zitat stellte der britische Schriftsteller Aldous Huxley seinem 1932 erschienen Roman Schöne neue Welt voran. Es sind die Worte des russischen Philosophen Nikolai A. Berdiajew, die gleichwohl als dessen Leitsatz gelten dürfen/können. Genau wie Huxley mit seiner Dystopie, mahnt auch Berdiajew zu einem kritischen Umgang mit dem, was möglich ist oder mit hoher Wahrscheinlichkeit einst möglich werden wird. Erst dieses Denken eröffnet das Spannungsfeld, in dem das Verhältnis des Menschen zur Technik beleuchtet werden muß. Das Voranschreiten des technischen Fortschritts in jeglichen Bereichen mündet zwangsläufig in die technische Planung der Gesellschaft auf allen erdenklichen Ebenen. Das Funktionieren des Kollektivs in seiner Gesamtheit hängt damit nicht mehr vom Einzelnen ab. Gleichwohl sind die Kontrolle und der größtmögliche Rückgriff auf das Individuum die wichtigsten Garanten für die Stabilität des gesamten Systems.

Dieser Grundsatz gilt ohne jeden Zweifel für die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, in denen er durch Angst und Repression seine Ausgestaltung erfuhr. Die als liberal bezeichneten Demokratien des Westens sehen sich als ein bewusster Gegenentwurf zu diesen Regimen. Im besten Sinne freiheitlich, soll dem Einzelnen das geringste Maß an Einschränkungen auferlegt werden. Damit werden persönliche Motive zum Antrieb des eigenen Handelns. Das ist keinesfalls verwerflich, ändert aber letztlich nichts daran, daß das Individuum Teil eines Ganzen bleibt und sein eigenes Handeln trotzdem – sei es bewusst oder auch unbewusst – eben genau daran ausrichtet.  In unseren Tagen können Geld, Macht und Einfluss als das angesehen werden, woran diese Ausrichtung erfolgt. Damit wird der Einzelne und mit ihm die Gesellschaft als Ganzes jedoch wieder berechen- und steuerbar. Das ist das Prinzip der Freiheit, über dem Berdiajew einen Schleier entdeckt hat, den es zu lüften gilt.

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